Geschichte
Mathew B. Brady dokumentierte mit seinem
Kamerateam, zu dem unter anderem Alexander Gardner, T. H.
O’Sullivan und G. N. Barnard gehörten, den amerikanischen
Bürgerkrieg 1861-1865 auf rund 7.000 Nassplatten-Negativen,
von denen über tausend digitalisiert wurden und über die
Website der Library of Congress abrufbar sind. Davon wurden
allerdings zeitgleich auch nur wenige einem größeren Publikum
bekannt, da Bildvorlagen für den Druck zunächst aufwändig
und weitestgehend manuell in Strichzeichnungen
umgesetzt werden mussten (vgl.
Holzstich; Kupferstich).
Die moderne Bildberichterstattung und
Pressefotografie entwickelte sich erst ab ca. 1880, als
die ersten Fotos als Illustrationen in Zeitungen erschienen:
Stephen H. Horgan veröffentlichte im „New Yorker Daily Graphic“
ein gerastertes Halbtonfoto. 1883 erschien das erste Foto
in einer deutschen Publikation: Georg Meisenbach veröffentlichte
in der Leipziger „Illustrirten Zeitung“ eine gerasterte
Fotografie (siehe
Autotypie). – Die Entwicklung einsatzbereiter Verfahren
zur Bildtelegrafie dauerte bis zum ersten Jahrzehnt des
20. Jahrhunderts (vgl.
Arthur Korn. Im November 1907 begannen regelmäßige Übertragungen
zwischen Paris, Berlin und London. Am 17. März 1908 wurde
das erste Fahndungsfoto in zwölf Minuten von Paris nach
London übertragen und im „Daily Mirror“ abgedruckt. Durch
dessen Veröffentlichung konnte ein flüchtiger Juwelenräuber
gefasst werden. Der „Daily Mirror” hatte 1904 als erste
Zeitung zur Wiedergabe von fotografischen Bildinformationen
vollständig auf den Autotypiedruck umgestellt.
Der Pressefotograf Erich Salomon, eigentlich
Doktor der Jurisprudenz, der erst 1926 im Alter von 40 Jahren
überhaupt mit der Fotografie in Kontakt kam, erregte nicht
nur durch seine Bildreportagen und die meist mit der neuartigen,
für damalige Verhältnisse äußerst lichtstarken und gleichzeitig
relativ kleinen Ermanox-Kamera
teilweise heimlich (oder genauer: „investigativ“) entstandenen
Aufnahmen Aufsehen, die er 1931 in seinem Bildband Berühmte
Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken
veröffentlichte – der Meister der candid
camera (ein von der Londoner Zeitschrift
„Graphic“ 1929 geprägter Begriff für Salomons Arbeitsweise)
erfand auch die Berufsbezeichnung Bildjournalist
als solche.
An Wirkung und stilprägendem Einfluss
kommen dem „König der Indiskreten“, wie ihn der französische
Außenminister Aristide Briand einmal spontan nannte (und
der dabei auf Salomons berühmtestem Foto abgebildet ist),
höchstens Fotografen wie Henri Cartier-Bresson gleich, der
1947 Mitbegründer der Fotoagentur Magnum Photos war und
dessen Auffassung des fotografischen Metiers der Salomons
wohl am nächsten kommt. Die Technik der „versteckten“ oder
„unbemerkten“ Kamera wurde später allerdings von den Paparazzi
auch systematisch missbraucht und deshalb vielfach in Verruf
gebracht.
Die Einführung der Kleinbildkameras, allen
voran der Leica (ab 1925), hatte weitreichende Auswirkungen
auf den Fotojournalismus und änderte in mannigfacher Hinsicht
auch die Sicht der Massen auf die Welt. – Das Berliner Boulevardblatt
„Tempo” veröffentlichte von 1928-33 in täglich drei Ausgaben
„Bilder vom Tage”. Zahlreiche Fotoagenturen wurden in den
Zwanzigern gegründet; eine der erfolgreichsten war – vor
allem durch ihre Geschwindigkeit, ihren großen Mitarbeiterstab
und die Vielfalt ihrer Sujets – die Schweizer Pressebildagentur
Keystone (seit 1892, in Deutschland seit 1924). Durch sie
übermittelte Bilder der Berliner Maifeiern 1929 zum Beispiel,
aufgenommen um 10.30 Uhr, erschienen sowohl in London als
auch in New York noch am selben Abend in dort ansässigen
Zeitungen.
Die Fotografie-Theoretikerin Gisèle Freund
bemerkte dazu: „Die Einführung des Photos in der Presse
ist ein Phänomen von außerordentlicher Bedeutung. Das Bild
verändert die Sehweise der Massen […] Mit der Photographie
öffnet sich ein Fenster zur Welt. Die Gesichter von Personen
des öffentlichen Lebens, die Ereignisse, die sich in seinem
Land abspielen und auch diejenigen, die außerhalb der Grenzen
stattfinden, werden ihm vertraut. […] Die Photographie leitet
das Zeitalter der visuellen Massenmedien ein, als das Einzelportrait
durch das kollektive Massenportrait verdrängt wird. Gleichzeitig
wird die Photographie zu einem mächtigen Instrument der
Propaganda und der Manipulation. Die Bilderwelt wird entsprechend
den Interessen jener gestaltet, die die Presse besitzen:
die Industrie, das Finanzkapital, die Regierungen.” – Insbesondere
„brachten es die Nationalsozialisten auch auf dem Gebiet
der politischen Instrumentalisierung der Bilder zu einer
traurigen Perfektion.” (Ralf Hecht, a.a.O.; vgl.
Leni Riefenstahl)
Erst 1923 konnte ein Bild (des Papstes
Pius XI.) von Rom nach New York über den Atlantik geschickt
werden. 1861 war die erste interkontinentale Telegraphenverbindung
zwischen Nordamerika und Europa hergestellt worden (siehe
auch: Seekabel). Seit Beginn des
20. Jahrhunderts ist der Bildbericht ein integraler Bestandteil
der Zeitungen und Magazine (Picture Post, Paris Match, Life,
Sports Illustrated, The Daily Mirror (London), The Daily
Graphic (New York)) und sprach so große Lesergemeinden der
30er bis 50er Jahre an.
In den USA ergaben die sozialdokumentarischen
Arbeiten der Farm Security Administration 1935–1942 und
ihrer Fotografischen Sektion geleitet von Roy Stryker ein
erhebliches Archiv des Lebens jener Zeit.
1947 wurde die Agentur Magnum Photos gegründet,
deren Mitglieder bis heute eine herausragende Position einnehmen.
Ethische Überlegungen
Am Beginn der geschichtlichen Entwicklung
der Fotografie war diese von der Überlegung getragen, ein
möglichst realistisches Abbild der „wahren“ Umwelt zu erstellen.
Dies ist schon allein deshalb nicht möglich, weil die Fotografie
den dreidimensionalen Raum auf eine Ebene mit beschränktem
Ausschnitt reduziert. Dies kann die Bildaussage des Motivs
unter Umständen bis zur Karikatur verzerren. Dennoch werden
fotografischen Bildern hoher Wahrheitsgehalt und große Glaubwürdigkeit
zugedacht.
Der Reportagefotograf hat daher eine hohe
ethische Verantwortung, wenn er sich nicht als ein Instrument
der Propaganda verwenden lassen möchte.
Ebenso ist die Grenze zur Verletzung der
Intimsphäre und einer reinen Befriedigung der Sensationsgier
(beispielsweise durch die inzwischen im Metier der Fotografen
verbreiteten Paparazzi) schnell überschritten.
Technik
Die Entwicklung transportabler, kleiner
Kameras (z.B. Leica) und empfindlicher Filme ermöglichte
seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Aufnahme am Ort des
Geschehens sowie die Erfassung bewegter Vorgänge. Dies revolutionierte
auch die Berichterstattung von den Kriegen jener Zeit: Die
Fotografie konnte das Grauen der tatsächlichen Kampfhandlungen
und des alltäglichen Sterbens im Feld transportieren.
Heute hat die Digitalfotografie eine Vormachtstellung
erobert und ermöglicht eine weitere Beschleunigung der Berichterstattung.
Unter der im Vergleich zum Film noch leichteren Manipulierbarkeit
dieser Fotos hat allerdings die Glaubwürdigkeit weiter gelitten.
Organisationen
Mit Freelens existiert eine eigene Journalistenorganisation
für Fotojournalisten. Als Bildjournalisten Tätige haben
außerdem eigene Fachgruppen in den großen Journalistenverbänden
dju/verdi und djv.
Ausbildung
Die Bezeichnung Fotojournalist ist nicht
geschützt. Es gibt keine geregelte Ausbildung. Neben einer
Lehre, die meist keinen Qualifikationsschwerpunkt auf Bildjournalismus
setzt, ist ein Fotografie-Studium möglich.
Im Rahmen der Journalistenaus- und Weiterbildung
bieten Journalistenschulen und Journalistenakademien Kurzzeitkurse
zum Bildjournalismus an.
Seit Oktober 2010 gibt es an der Fachhochschule
Hannover den Studiengang Bildjournalismus
und Dokumentarfotografie unter
Leitung von Rolf Nobel.
Die Hochschule Magdeburg bietet seit dem
Wintersemester 2008/2009 den Studiengang "Bildjournalismus"
an.
Weblinks